Aktivitäten im Sommer > Sport und Freizeit > Natur > Die Lehrpfade > Historische Rundgänge > Historischer Rundgang von St-Jean > Post 15. Haus von Jeanne, der Weberin

Post 15. Haus von Jeanne, der Weberin

An der Strassenecke befindet sich das Haus von Jeanne, modern renoviert durch ihre Grosskinder, die hier wohnen.

Plan von St-Jean

Im Val d’Anniviers, wie in anderen Tälern auch, mussten die Männer zur Armee, Mobilmachung oder zur Arbeit auf grosse Baustellen. Wegen der Abwesenheit des Mannes war die Frau für alle Arbeiten verantwortlich. Neben Bäuerin und Hausfrau war sie auch Handwerkerin, Mutter, Ehefrau, Schwiegertochter, Heilerin usw...

In jedem Haus gab es eine von diesen bescheidenen und unauffälligen Heldinnen. Durch das Lebenszeugnis von Jeanne, der letzten Weberin im Dorf und im Tal, verstorben 1997, wird allen Frauen von Saint-Jean Ehrerbietung gezollt.

Jeanne verarbeitete den Flachs und den Hanf, welche als Faserplanzen zur Herstellung von Bettlaken dienten, sie kannte sich aber auch gut mit Heilplanzen aus. Sie behandelte ihre Familie sowie ab und zu das Vieh mit einer Pflanze, welche sie als heilig bezeichnete, da sie in ihrer Familie Wunder vollbracht habe : Meisterwurz ( Peucedanum ostruthium ), im Anniviers genannt « agro ».

Die Textilverarbeitung ist die Angelegenheit der Frauen, welche glätten, spinnen, stricken, weben, ausbessern und anfertigen. Jeanne, geboren 1908, lernte mit 13 Jahren durch ihre Tante Adèle das Weben; bereits ihre Grossmutter übte dieses Tätigkeit aus. Mit 19 Jahren belegte sie an der Schule in Châteauneuf einen Webereikurs.

Jeanne war 88 Jahre alt, als sie auf die Fragen von Paul-André Florey im Jahr 1996 antwortete.
« Die Leintücher, welche ich für meine Mutter wob ( sie starb, als ich 20 Jahre alt war ), habe ich heute noch. Sie waren sehr strapazierfähig. Flachs war schwieriger zu weben als Wolle ( ... ). Als mein Vater als Abgeordneter gewählt wurde, wob ich das Tuch für sein Kostüm. Die Wolle habe ich gekauft, aber gewoben habe ich sie selber. Das Tuch habe ich dann zum Walken gegeben. Ein Schneider fertigte daraus ein schönes Kostüm an. Mein Vater trug es, wenn er sich zum Grossen Rat begab ( ... ). Die Leute brachten mir die Wolle und ich stellte für sie den Stoff her. Ich erinnere mich, dass die Elle 20 Rappen kostete, eine Elle entspricht 1m20. Um die Kette hochzuziehen, kamen die Leute, um zu helfen, da dies nur zu zweit möglich war. Sie brachten mir Wein und Brot, was ich nicht wollte. Das wurde « Hungerlohn » genannt ( ... ) ».

¨Meine Mutter färbte zuerst den Stoff, dann schickte sie ihn nach Sitten zum Walken. Der Stoff war wunderschön. Ich habe über 20 Jahre meinen Rock aus einheimischem Stoff getragen ( ... ). Oh ! Mich freute es enorm, wenn meine Arbeit geschätzt wurde. Kürzlich habe ich das Hochzeitskleid für meine Enkelin gewoben. »

Der Alltag von Jeanne, fast vollständig in einem Brief an eines ihrer sieben Kinder im Oktober 1951 festgehalten, widerspiegelt den pausenlosen Einsatz der Frauen zu dieser Zeit :

22. Oktober1951

« Lieber Claude, Wir sind sehr nachlässig im Beantworten Deines Briefes. Entschuldige bitte. Momentan haben wir sehr viel Arbeit. Luc und Urbain kümmern sich um das Vieh. Romain und Bruno haben letzte Woche die Kühe von Fridolin gehütet. Am Mittwoch und Donnerstag war ich unten in Siders zur Traubenlese in unserem Weinberg. Es schmerzt mich, dass ich Dir keine Trauben schicken konnte, aber da ich allein war, konnte ich nur einen Karton für hier mitnehmen. Ich bat Monique, Dir welche zu senden, aber ich weiss nicht, ob sie sich getraut hat, zu fragen. Heute ist es kalt und es liegt etwas Schnee, ungefähr 10 Zentimeter. Papa, Romain und Urbain haben die Kühe von Zampelets nach Flaubovis gebracht. Wir müssen noch in einer Ecke des Crêtsfeldes die Kartoffeln ausgraben.Wir hoffen, dass das schöne Wetter wiederkommt. Es muss noch Streu herangeschafft und grosse Mengen von Mist ausgebracht werden. Monique sollte am letzten Sonntag kommen, kann aber nicht vor dem nächsten Sonntag. Ich weiss nicht, ob es Dir an Jacken oder Leibchen fehlt, aber ich hatte leider noch keine Zeit, die Jacke auszubessern und Marguerite hat auch noch nicht gestrickt. Sobald alles bereit ist, schicken wir Dir ein Paket zu. In Siders habe ich ein schönes Hemd gekauft, ich hoffe es gefällt Dir. Pantoffeln werden wir Dir auch so schnell wie möglich herstellen. Für diese habe ich solide Ledersohlen gekauft und den oberen Teil werden wir stricken. Du wirst schön warme Pantoffeln bekommen. Und uns dann berichten, ob sie grundsätzlich halten. Wir beten oft dafür, dass Du Dein gesetztes Ziel erreichst. Es wäre ein Riesenglück.

Die ganze Familie erfreut sich bester Gesundheit und die Arbeit geht auch nicht aus. Ich habe vergessen Dir zu sagen, dass wir mit Luc und Romain oberhalb vom Maiensäss Clovis Z. Kieferntannenzapfen sammeln waren. Das war ein anstrengender Tag. Wir haben vier Säcke gefüllt.

Alle lassen Dich herzlich grüssen und umarmen Dich von ganzem Herzen. Maman. »

 

Nächster Posten

Das letzte, ganzjährig bewohnte Haus befindet sich im rechten Winkel zur Strasse, welche Richtung Maiensässe von Pinsec führt. Es ist nicht zu verfehlen.